Was als kurzfristige Idee begann, wurde zu einer Veranstaltung mit ungewöhnlicher historischer und internationaler Spannweite: Anlässlich des 150. Geburtstages von Wilhelm Belger, dem Namensgeber der Wilhelm-Belger-Halle in Großziethen und Großvater des Schönefelder Unternehmers Willi Belger, trafen Familiengeschichte, kommunales Engagement und die seit Jahrzehnten gewachsenen deutsch-mongolischen Beziehungen aufeinander.
Besonderen Charakter erhielt der Tag durch den Besuch von Schülerinnen und Schülern der 38. Schule aus dem Schönefelder Partnerbezirk Bayangol in Ulaanbaatar – der Alexander-von-Humboldt-Schule. Damit wurde zugleich sichtbar, wie die Städtepartnerschaft zwischen Schönefeld und Bayangol sowie die langjährigen Beziehungen zu dieser Schule ganz praktisch gelebt werden.
Auftakt im Rathaus Schönefeld
Der Tag begann mit einem Empfang im Rathaus der Gemeinde Schönefeld. Christian Könning, Leiter des Bürgermeisterstabes, und Marina Hermann, zuständig für Städtepartnerschaften, begrüßten die Gäste.
Christian Könning stellte die Gemeinde anhand einer eigens auch mongolisch beschrifteten Präsentation vor. Im Mittelpunkt standen die Entwicklung Schönefelds, die sechs Ortsteile, die Lage unmittelbar an Berlin, die besondere Bedeutung des Flughafens BER und die demografische Dynamik der Gemeinde.
Willi Belger ergänzte diese Einordnung am Ortsplan aus Sicht Großziethens. Er machte anschaulich, wie eng der Ort zwischen Berlin, Schönefeld und dem großflächigen Flughafenareal eingebettet ist und wie stark diese besondere Lage die Entwicklung der gesamten Gemeinde prägt.
Zum Empfang gehörte auch der Austausch mit Akteuren aus dem Bildungsbereich. Vertreter einer seit 30 Jahren bestehenden Pflegeschule aus Zwickau berichteten über ihre seit fünf Jahren intensiv betriebenen Projekte mit mongolischen Partnern. Zweimal jährlich kommen demnach Gastschüler für jeweils sechs Wochen nach Deutschland, absolvieren Sprachkurse und Prüfungsvorbereitungen bis B1 beziehungsweise B2 und lernen zugleich Land und Alltag kennen. Auch hier wurde deutlich, wie aus persönlichen Kontakten konkrete Bildungs- und Austauschstrukturen entstehen.
Bei einer anschließenden Führung durch das Rathaus zeigte Christian Könning der Delegation unter anderem das Standesamt. Der repräsentative Trauraum wird ausschließlich für Eheschließungen genutzt und ist so gefragt, dass auch Paare aus Nachbarkommunen und Berlin nach Schönefeld kommen, um dort zu heiraten.
Von der Städtepartnerschaft zur persönlichen Lebensgeschichte
Anschließend wechselte die Veranstaltung in die Wilhelm-Belger-Halle nach Großziethen. Dort wurde deutlich, dass der Tag weit mehr als eine historische Würdigung war.
Willi Belger erinnerte an seine erste Reise in die Mongolei im Jahr 2002 – eine Erfahrung, die ihn bis heute sichtbar bewegt. Besonders eindringlich schilderte er den damaligen Besuch eines Kindergartens in Ulaanbaatar. Während einige Kinder eine einfache Suppe mit wenigen Stücken Gemüse erhielten, bekamen andere lediglich warmes Wasser, weil ihre Eltern das Essen nicht bezahlen konnten.
Für die damalige deutsche Delegation sei diese Erfahrung kaum zu verarbeiten gewesen. Willi Belger erinnerte daran, wie die Teilnehmer in einer Ecke standen und weinten. Die Reise habe den eigenen Blick auf Wohlstand und gesellschaftliche Verantwortung grundlegend verändert.
Seine Botschaft an diesem Tag war entsprechend klar: Deutschland müsse wieder mehr menschliche Gefühle entwickeln, stärker aufeinander zugehen, dankbarer und zufriedener sein. Wohlstand sei weder selbstverständlich noch leicht zu erhalten.
Diese Haltung blieb bei ihm nicht abstrakt. Über Jahre unterstützte Willi Belger den Austausch mit der 38. Schule, der Alexander-von-Humboldt-Schule in Ulaanbaatar. Sein damaliges Prinzip: Die Familien sollten versuchen, die Flugkosten aufzubringen – den gesamten Aufenthalt in Deutschland wollte er finanzieren. So begann eine Zusammenarbeit, die bis heute nachwirkt.
Eine Veranstaltung, die in nur fünf Tagen entstand
Auch die aktuelle Begegnung war Ausdruck dieser gelebten Beziehung. Erst kurzfristig war bekannt geworden, dass sich Schülerinnen und Schüler der 38. Schule in Deutschland aufhalten. Für Willi Belger war die Reaktion selbstverständlich: „Klar, dann müssen wir irgendwas machen.“
Innerhalb von nur fünf Tagen entstand gemeinsam die Idee, den Besuch mit der Würdigung seines Großvaters zu verbinden. Anlass war dessen 150. Geburtstag. In der Wilhelm-Belger-Halle sollte eine Laudatio gehalten und ein Bild Wilhelm Belgers enthüllt werden.
Gerade diese spontane Entstehung ist bezeichnend: Die Partnerschaft zwischen Schönefeld und Bayangol lebt nicht allein von Verträgen, offiziellen Delegationen und langfristig geplanten Programmen. Sie lebt auch davon, dass Menschen handeln, wenn sich eine Gelegenheit zur Begegnung bietet.
Wilhelm Belger: Pferdehändler, Familienmensch und prägende Persönlichkeit Großziethens
Die von Willis Partnerin Heidi verlesene Laudatio zeichnete das Leben Wilhelm Belgers nach, der von 1876 bis 1967 lebte.
Sein Vater stammte aus Telz, seine Mutter beziehungsweise die familiäre Verbindung führte über eine Frau Lorenz nach Großziethen, das zum Lebensmittelpunkt wurde. Wilhelm Belger selbst entstammte einer kinderreichen Familie mit sechs Brüdern und zwei Schwestern. Er heiratete eine Witwe, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte; gemeinsam bekamen sie weitere sechs Kinder. Später hatte Wilhelm Belger 16 Enkelkinder.
Die Familie wurde so groß und im Ort so präsent, dass „Belger“ beinahe zum Sammelbegriff wurde. Zur Unterscheidung entstanden im Dorf Zusatznamen wie „Kartoffelbelger“, „Pferdebelger“ oder „Kneiper“.
Wilhelm Belger entwickelte sich zu einem außerordentlich erfolgreichen Geschäftsmann. Weil er zunächst noch zu jung war, musste sein Vater ihn bei Geschäften begleiten – die volle Geschäftsfähigkeit begann damals erst mit 21 Jahren.
Sein wirtschaftlicher Erfolg wirkte weit in die Familie hinein. Er kaufte seinem Bruder in Mahlow den Dorfkrug, finanzierte die Gaststätte seines Stiefsohnes Otto Kube in Großziethen und erwarb für einen weiteren Sohn eine Gaststätte in Brusendorf. Insgesamt verfügte die Familie Belger zeitweise über sechs Gaststätten.
Zugleich engagierte sich Wilhelm Belger stark für das Dorfleben. Nach der Ernte fanden in Großziethen Bauernreittage statt, die er mitorganisierte und finanzierte.
Seine eigentliche wirtschaftliche Prägung lag jedoch im Pferdehandel. Um seine große Familie zu ernähren, reiste er durch Europa und kaufte junge Pferde für Bauern in Großziethen und Berlin. Zu seinen wichtigsten Geschäftspartnern gehörten Stadtgüter und Gutsbesitzer. Er galt als bekanntester Pferdehändler im Süden Berlins.
Die Pferde kamen per Zug an der Hermannstraße in Neukölln an, wurden dort entladen und von Geschwistern und Kindern reitend nach Großziethen gebracht.
Ein besonders persönliches Bild vermittelte die Laudatio vom jungen Willi Belger: Als Kind saß er häufig auf dem Schoß seines Großvaters am Sekretär und ließ sich die Geschäftsjournale erklären. Möglicherweise, so die Laudatio, wurde dort bereits der Grundstein für seinen eigenen unternehmerischen Weg gelegt.
Wilhelm Belger wurde als streng und hart arbeitend beschrieben, zugleich als großzügig und hilfsbereit gegenüber anderen – während er sich selbst wenig gönnte.
Die Enthüllung seines Bildes sollte deshalb nicht nur erinnern. Sie sollte nachfolgenden Generationen eine Persönlichkeit nahebringen und Mut machen, sich für die Gesellschaft einzusetzen.
Warum die Halle Wilhelm Belgers Namen trägt
Willi Belger schilderte an diesem Tag auch die Entstehungsgeschichte der Halle.
Mit dem Wachstum Großziethens kamen immer mehr Familien und Kinder in den Ort. Zugleich stieg der Bedarf an Sportmöglichkeiten. Für Willi Belger war Sport dabei nie nur Bewegung, sondern Gemeinschaft und Vernetzung.
Gemeinsam mit seiner Schwester stellte er deshalb der Gemeinde ein benötigtes Grundstück zu sehr günstigen Bedingungen zur Verfügung. Die Sporthalle war zugleich eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die benachbarte private Schule, das Evangelische Gymnasium, entstehen konnte.
Als Gemeindevertreter später vorschlugen, die Halle nach Willi Belger selbst zu benennen, lehnte er ab. Seine Begründung trug den für ihn typischen Humor: Man ehre keine Lebenden, sonst lebten sie nicht mehr lange.
Stattdessen schlug er den Namen seines Großvaters vor. Die Gemeinde folgte diesem Wunsch.
So wurde aus der Halle die Wilhelm-Belger-Halle – und 2026, zum 150. Geburtstag des Namensgebers, ein Ort der erneuten Würdigung.
Bürgermeister Christian Hentschel: „So viel für unsere Gemeinde getan“
Bürgermeister Christian Hentschel begrüßte die mongolischen Gäste ausdrücklich in der Gemeinde Schönefeld und würdigte zugleich die Familie Belger.
Er erinnerte daran, wie viel die Familie über Generationen für Schönefeld und insbesondere Großziethen geleistet habe. Besonders hob er Willi Belgers Engagement hervor und stellte den Zusammenhang zwischen Grundstück, Sporthalle und der Entwicklung des Schulstandortes heraus.
Seine Worte knüpften unmittelbar an Willi Belgers zuvor geäußerte Gedanken an. Man müsse wieder demütiger, dankbarer und zufriedener mit dem sein, was man habe, weil viele Menschen auf der Welt deutlich weniger besäßen.
Zugleich kündigte der Bürgermeister an, Wilhelm Belger in der nach ihm benannten Halle einen besonderen Platz zu geben.
Mehr als Erinnerung: gelebte deutsch-mongolische Beziehung
Genau darin lag die besondere Qualität dieses Tages.
Eine Gemeinde empfängt Gäste aus ihrem mongolischen Partnerbezirk. Schülerinnen und Schüler einer Schule aus Ulaanbaatar bringen sich mit kulturellen Beiträgen ein. Eine über Jahrzehnte gewachsene Städtepartnerschaft trifft auf eine Großziethener Familiengeschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Ein Unternehmer erinnert an seine erste Mongolei-Reise 2002, an Erfahrungen, die sein Leben verändert haben, und an die daraus entstandene Unterstützung für junge Menschen.
Wenige Tage zuvor war eine Delegation der Gemeinde Schönefeld von einer intensiven Fachaustauschreise aus der Mongolei zurückgekehrt. Dort waren erneut zahlreiche Gespräche über kommunale Zusammenarbeit, Bildung, Wirtschaft, Fachkräfte und zukünftige gemeinsame Projekte geführt worden.
Der Besuch der 38. Schule und die Veranstaltung zum 150. Geburtstag Wilhelm Belgers zeigten nun auf sehr persönliche Weise, was hinter solchen Beziehungen steht: Kontinuität, Erinnerung, Vertrauen und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Die Städtepartnerschaft zwischen Schönefeld und Bayangol ist damit keine Partnerschaft auf dem Papier. Sie wird seit Jahrzehnten durch Begegnungen, Schulpartnerschaften, Delegationsreisen, persönliche Unterstützung und immer neue Verbindungen getragen.
Dass die Würdigung eines 1876 geborenen Großziethener Pferdehändlers im Jahr 2026 gemeinsam mit jungen Gästen aus Ulaanbaatar begangen wurde, ist deshalb weit mehr als eine schöne Randnotiz.
Es ist ein starkes Bild dafür, wie Geschichte, kommunales Engagement und internationale Partnerschaft über Generationen hinweg miteinander verbunden werden können.



